MZONE · Dark Medical Sketch · Nr. 2

Fall H — Das Gedächtnis der Institute

Ein Standbild aus einem der dunkelsten Kapitel der Medizin: Gehirnpräparate von „Euthanasie“-Opfern, die bis in die 1980er Jahre in Institutsregalen standen, 1990 anonym bestattet wurden — und 2025 als 16.000 Namen zurückkehrten. Fahre mit der Maus über das Board; klicke die Ziffern.

Interaktiv Inhaltswarnung: NS-Krankenmorde 1940 → 2025 Handgezeichnet · SVG
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Die Akte in sechs Stationen

1940–1945 · DIE QUELLE
Gehirne als „interessantes Material“
Der Neuropathologe Julius Hallervorden und Hugo Spatz ließen sich Gehirne von Menschen liefern, die in den Tötungsanstalten der „Aktion T4“ ermordet wurden — darunter mindestens 33 Kinder, die am 28. Oktober 1940 in Brandenburg vergast wurden. Insgesamt gelangten rund 700 Präparate als „Sammlung H“ in das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung. Hallervorden forschte daran — und sprach offen darüber.
1945–1965 · DAS SCHWEIGEN
Erwähnt, nicht verfolgt
Beim Nürnberger Ärzteprozess 1946/47 wurde Hallervordens Rolle gestreift — öffentliche Folgen hatte das kaum. Er blieb wissenschaftlich aktiv und starb 1965. Die Präparate blieben in den Beständen, wanderten mit dem Institut und wurden weiter benutzt.
1974–1989 · DIE AUFDECKER
Die Institution wehrt sich
1974 ließ die Max-Planck-Gesellschaft einen Journalisten gerichtlich untersagen, über Hirnforschung im Rahmen der „Euthanasie“ zu schreiben. 1984/85 bewies der Historiker Götz Aly, dass sich Präparate von Euthanasie-Opfern in den Sammlungen des MPI für Hirnforschung befanden; 1989 erschien sein Bericht in der Zeit.
13.1.1989 · DER ANRUF
„Vollständige Entfernung“
In Heidelberg ordnete das Rektorat per Telefonanweisung die „vollständige Entfernung“ aller Präparate von NS-Opfern an — genau als die Experimente des Psychiaters Carl Schneider untersucht werden sollten. Die Präparate waren danach verschwunden. Ein dokumentierter Fall von Beweismittelbeseitigung im Wissenschaftsbetrieb.
1990 · DIE STILLE BESTATTUNG
Beerdigt, nicht benannt
Die in Frankfurt gefundenen Hirnschnitte wurden 1990 auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt. Keine Namen, kaum Öffentlichkeit. Ein Gedenkstein erinnert an die Opfer — aber die wenigsten wissen, wofür er steht. 2015 wurden in den Beständen erneut verdächtige Präparate entdeckt.
2017–2025 · DAS ARCHIV SPRICHT
16.000 Namen
2017 startete die Max-Planck-Gesellschaft ein Provenienzprojekt zu den Hirnpräparaten. 2025 ging — zusammen mit der Leopoldina — eine Online-Datenbank online: rund 16.000 Profile von Menschen, die nachweislich Opfer von NS-Zwangsforschung wurden, dazu 13.000 weitere Recherchefälle. Viele von ihnen bekamen erstmals einen Namen zurück.
„Es ist oft überraschend, wie begrenzt das Wissen über die medizinischen Verbrechen der Nazis in der medizinischen Gemeinschaft heute ist — vielleicht abgesehen von einer vagen Vorstellung von Josef Mengeles Experimenten in Auschwitz.“ Herwig Czech, Medizinische Universität Wien, Hauptautor der Lancet-Kommission 2023

Was man an diesem Bild lernen kann

LEHRE 1
Präparate sind Personen
Erst die Benennung macht Erinnerung möglich. Solange Gehirne als „Material“ und Akten als „Bestand“ gelten, bleibt Gewalt administrativ — und damit wiederholbar.
LEHRE 2
Institutionen entsorgen, was sie belastet
Von Heidelberg 1989 bis zu vernichteten DDR-Pharmaakten: Die Beseitigung von Beweisen ist Teil der Geschichte. Aber Papier, Präparate und Archivspuren überleben die Verantwortlichen.
LEHRE 3
Aufarbeitung beginnt, wenn jemand nachsieht
Götz Aly 1985, die Provenienzforschung 2017, die Datenbank 2025: Jede Wende kam von außen oder von Nachgeborenen — nie von selbst. Das ist die eigentliche Botschaft dieses Standbilds.

Quellen dieses Blatts