1940–1945 · DIE QUELLE
Gehirne als „interessantes Material“
Der Neuropathologe Julius Hallervorden und Hugo Spatz ließen sich Gehirne von Menschen liefern, die in den Tötungsanstalten der „Aktion T4“ ermordet wurden — darunter mindestens 33 Kinder, die am 28. Oktober 1940 in Brandenburg vergast wurden. Insgesamt gelangten rund 700 Präparate als „Sammlung H“ in das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung. Hallervorden forschte daran — und sprach offen darüber.
1945–1965 · DAS SCHWEIGEN
Erwähnt, nicht verfolgt
Beim Nürnberger Ärzteprozess 1946/47 wurde Hallervordens Rolle gestreift — öffentliche Folgen hatte das kaum. Er blieb wissenschaftlich aktiv und starb 1965. Die Präparate blieben in den Beständen, wanderten mit dem Institut und wurden weiter benutzt.
1974–1989 · DIE AUFDECKER
Die Institution wehrt sich
1974 ließ die Max-Planck-Gesellschaft einen Journalisten gerichtlich untersagen, über Hirnforschung im Rahmen der „Euthanasie“ zu schreiben. 1984/85 bewies der Historiker Götz Aly, dass sich Präparate von Euthanasie-Opfern in den Sammlungen des MPI für Hirnforschung befanden; 1989 erschien sein Bericht in der Zeit.
13.1.1989 · DER ANRUF
„Vollständige Entfernung“
In Heidelberg ordnete das Rektorat per Telefonanweisung die „vollständige Entfernung“ aller Präparate von NS-Opfern an — genau als die Experimente des Psychiaters Carl Schneider untersucht werden sollten. Die Präparate waren danach verschwunden. Ein dokumentierter Fall von Beweismittelbeseitigung im Wissenschaftsbetrieb.
1990 · DIE STILLE BESTATTUNG
Beerdigt, nicht benannt
Die in Frankfurt gefundenen Hirnschnitte wurden 1990 auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt. Keine Namen, kaum Öffentlichkeit. Ein Gedenkstein erinnert an die Opfer — aber die wenigsten wissen, wofür er steht. 2015 wurden in den Beständen erneut verdächtige Präparate entdeckt.
2017–2025 · DAS ARCHIV SPRICHT
16.000 Namen
2017 startete die Max-Planck-Gesellschaft ein Provenienzprojekt zu den Hirnpräparaten. 2025 ging — zusammen mit der Leopoldina — eine Online-Datenbank online: rund 16.000 Profile von Menschen, die nachweislich Opfer von NS-Zwangsforschung wurden, dazu 13.000 weitere Recherchefälle. Viele von ihnen bekamen erstmals einen Namen zurück.