Frühstück, wie immer
Bei Familie Kuhnert wurde beim Frühstück viel geredet und wenig zugehört. Das ist bei den meisten Familien so und funktioniert erstaunlich gut, solange niemand genau hinhört.
Papa„Mette, jetzt reiß dich mal zusammen."
Mama„Und ich hab von diesem Thema die Nase voll."
Oma am Telefon„Ich bin gleich völlig aus dem Häuschen!"
Mette„Ihr redet echt komisch."
Papa„Mensch, Mette. Jetzt nimm das doch nicht immer alles so wörtlich."
Unter dem Tisch sagte eine sehr höfliche Stimme:
Die Stimme„Sehr gern."
Der Besuch
Er war klein und grau und außerordentlich höflich. Er trug einen Bleistift hinterm Ohr und einen zweiten in der Tasche, weil man ja nie weiß. Unter dem Arm hatte er ein Heft. Auf dem Heft stand: WÖRTLICH.
Mette„Wer sind Sie denn?"
Der Kleine„Der Wörtlichnehmer. Sie haben gerufen."
Papa„Ich habe gesagt, man soll es nicht so wörtlich nehmen."
Der Wörtlichnehmer„Ja. Und das habe ich wörtlich genommen."
Papa„Das ergibt keinen Sinn."
Der Wörtlichnehmer„Sinn ist nicht mein Fachgebiet. Mein Fachgebiet ist: was dasteht."
Dann schlug er das Heft auf, leckte am Bleistift und fing an zu arbeiten. Von hinten. In der Reihenfolge, in der die Sätze gefallen waren.
Die Arbeit beginnt
„Ich bin gleich völlig aus dem Häuschen."
Oma freut sich sehr.
Oma steht im Garten. Die Tür ist zu. Oma ist überhaupt nicht mehr im Häuschen.
„Ich hab die Nase voll."
Mama ist genervt.
Erbsen. Beide Seiten. Bis oben.
„Reiß dich zusammen."
Benimm dich.
Mette saß plötzlich sehr, sehr dicht neben sich selbst. Es war eng. Und ein bisschen unangenehm.
Der Wörtlichnehmer machte einen Haken. Er machte sehr ordentliche Haken.
Draußen wird es schlimmer
Auf dem Weg zur Schule war der Zebrastreifen weg. Er war zu den anderen Zebras gelaufen, hieß es. Der Fahrstuhl im Rathaus fuhr — und zwar Richtung Bahnhof, mit dem Stuhl. Und im Vorgarten von Herrn Ostermann brüllte der Löwenzahn so laut, dass zwei Amseln umkippten.
Herr Ostermann selbst stand daneben und hatte den Faden verloren. Der Faden rollte die Straße runter und bog links ab.
„Gleich platzt mir der Kragen!"
Herr Ostermann ist wütend.
Peng. Ein sehr guter Kragen war das mal.
Und in Papas linkem Ohr saß jetzt ein Ohrwurm. Ein echter. Er sang. Drei Tage lang. Immer dasselbe.
Warum machst du das?
Mette setzte sich zu ihm auf die Treppe. Er sah eigentlich gar nicht böse aus. Er sah aus wie jemand, der seit sehr langer Zeit sehr gründlich seine Arbeit macht und dafür noch nie gelobt wurde.
Mette„Kannst du nicht einfach mal aufhören?"
Der Wörtlichnehmer„Nein. Ich bin, wie ich heiße. Das ist bei Namen leider so."
„Was gesagt ist, ist gesagt.
Was gemeint ist, hat mich nie gefragt.
Ich mach nur das, was wirklich dasteht.
Beschwerden bitte ans Alphabet."
Und dann sagte Mette nichts mehr. Sie dachte nach. Und beim Nachdenken merkte sie etwas Wichtiges: Wer alles wörtlich nimmt, muss alles wörtlich nehmen. Auch das, was man ihm ganz genau sagt.
Der vorsichtigste Spaziergang der Welt
„Kommen Sie bitte mit", sagte Mette. Mehr nicht. Kein Wort zu viel.
Es war der anstrengendste Spaziergang ihres Lebens. Sie hätte fast „bis gleich" gesagt (gefährlich). Sie hätte fast „mach's gut" gesagt (unklar). Sie hätte fast „pass auf dich auf" gesagt (viel zu kompliziert). Sie sagte: nichts. Sie ging einfach los, und der Wörtlichnehmer ging hinterher und war sehr zufrieden, weil ihm noch nie jemand so wenig Arbeit gemacht hatte.
Sie gingen an der Bäckerei vorbei. Am Sportplatz vorbei. Am letzten Haus vorbei.
Und dann waren sie da: am Acker. Braun, leer, frisch umgepflügt. Perfekt.
Ein Satz, der endlich stimmt
Mette„Herr Wörtlichnehmer?"
Der Wörtlichnehmer„Ja bitte."
Mette„Machen Sie sich bitte vom Acker."
Der Wörtlichnehmer stand ganz still. Er guckte auf den Acker. Er guckte auf sich. Er guckte in sein Heft. Dann nahm er den Bleistift hinterm Ohr hervor und machte den schönsten Haken, den er je gemacht hatte.
Der Wörtlichnehmer„Sehr gern. Endlich mal jemand, der genau sagt, was er meint."
Und dann machte er sich vom Acker. Ganz korrekt. Ohne sich zu beschweren. Man muss dazusagen: Er war dabei ziemlich glücklich.
Danach
Der Zebrastreifen kam am Abend zurück, ein bisschen außer Atem, mit einem Streifen an der falschen Stelle. Mamas Nase war wieder leer. Oma war wieder im Häuschen und redete darüber noch drei Wochen. Nur der Ohrwurm blieb. Der hatte es sich gemütlich gemacht.
Und beim Abendessen lehnte Papa sich zurück, atmete tief durch und sagte:
Papa„Also, mir fällt ein Stein vom Herzen."