Recherche-Report · maierzone

Der Agenten-Perimeter

Ein Jahr Model Context Protocol — von 1.862 offenen Servern zur statelosen Spec

Stand
6. August 2026
Gegenstand
Sicherheitslage des MCP-Ökosystems, Spec-Revisionen 2024-11-05 bis 2026-07-28
Methode
Sekundärrecherche: Vorfall-Chronik, Registry-Zahlen, Spec-Changelogs, eine empirische Studie
Belastbarkeit
gemischt — Primärquellen bei Spec und Studie, Marktzahlen aus Trackern
Relevanz
Direkt: mzone-ops, mzone-publisher sind selbst MCP-Server

§ 01

Die Lage in Zahlen

MCP ist in zwanzig Monaten von einem Anthropic-Nebenprojekt zur De-facto-Steckdose zwischen Modellen und Systemen geworden. Die Sicherheitsarbeit hinkt der Verbreitung um etwa ein Jahr hinterher — und das ist keine Metapher, das lässt sich an den Spec-Revisionen ablesen.

Server untersucht
67057
über sechs öffentliche Registries
davon verwundbar
833
plus 18 mit verdächtiger Beschreibung — 1,3 %
ohne jede Auth erreichbar
1862
öffentliche Server, Stand Juli 2025
SDK-Downloads / Monat
97Mio
März 2026 — zum Start waren es 100.000

Die 1,3 % aus der Registry-Studie klingen beruhigend, bis man die zweite Zahl danebenlegt: Die Cloud Security Alliance schätzt den Radius des im April 2026 offengelegten STDIO-Designfehlers auf rund 200.000 verwundbare Instanzen entlang einer Lieferkette von über 150 Millionen Paket-Downloads. Der Unterschied ist wichtig — die Studie zählt schlecht geschriebene Server, die CSA zählt Server, die korrekt nach SDK-Default gebaut wurden.

Wachstum des öffentlichen Server-Bestands

Q2 2026 gemessen (9.400 Server über vier große Registries, +58 % QoQ im dritten Quartal in Folge). Die drei vorangehenden Quartale sind aus dieser Rate zurückgerechnet, der Balken für Q4 2026 ist die Prognose-Basislinie (Band 14.800–22.000). Kein gemessener Wert außer Q2 2026.

§ 02

Chronik der Vorfälle

Vierzehn öffentlich zugeordnete Vorfälle zwischen April 2025 und April 2026. Auffällig ist nicht die Menge, sondern die Wiederholung: derselbe Fehler, andere Verpackung.

Vorfälle je Quartal

Q2 2026 zählt als ein Eintrag, umfasst aber zehn CVEs — der systemische STDIO-Befund gegen mehrere Produkte gleichzeitig.

Grundursache

Eigene Klassifikation der vierzehn Einträge. Kommando-Injektion führt, Prompt Injection ist seltener dokumentiert — vermutlich, weil sie schwerer nachweisbar ist.

DatumBetroffenCVECVSSUrsache
2026-04Offizielle MCP-SDKs, LettaAI, LangFlow, Windsurf10 CVEs—STDIO-Transport reicht Konfiguration ungeprüft an die Shell
2026-03nginx-uiCVE-2026-330329.8Message-Endpoint führt Kommandos ohne Authentifizierung aus
2026-02Oura MCP (geklont)——Lieferketten-Angriff, StealC-Malware über gefälschtes Repo
2026-01gemini-mcp-toolCVE-2026-07559.8execAsync mit unvalidierter Nutzereingabe
2025-10Figma / Framelink MCPCVE-2025-53967—child_process.exec auf ungeprüfter Eingabe
2025-10Smithery (MCP-Hosting)——Path Traversal in smithery.yaml, Zugriff aufs Home-Verzeichnis
2025-09FlowiseCVE-2025-59528—Umgehung der Schutzmechanismen über denselben STDIO-Designfehler
2025-09Postmark MCP Server——Bösartiges Paket, BCC jeder Agenten-Mail an Angreiferdomain
2025-08Anthropic Filesystem MCPCVE-2025-53109/-53110—Sandbox-Ausbruch und Symlink-Umgehung
2025-07mcp-remoteCVE-2025-6514—Präpariertes authorization_endpoint landet in der Shell
2025-06Anthropic MCP InspectorCVE-2025-49596—Unauthentifizierte RCE über den Inspector-Proxy
2025-06Asana MCP Server——Fehler in der Zugriffslogik, mandantenübergreifende Sicht
2025-05GitHub MCP Server——Prompt Injection nutzt zu weite PAT-Scopes aus
2025-04WhatsApp MCP——Tool Poisoning: umgeschriebene Tool-Beschreibung exfiltriert Daten

§ 03

Fünf Fehlerklassen

Reduziert man die Chronik auf ihre Mechanik, bleiben fünf Muster übrig. Vier davon sind Protokoll-eigen — sie entstehen dadurch, wie MCP gebaut ist, nicht dadurch, dass jemand schlampig programmiert hat.

§ 04

Die Spec zieht nach

Fünf Revisionen in zwanzig Monaten. Die Sicherheitsarbeit beginnt sichtbar mit 2025-06-18 — also nach den ersten schweren Vorfällen, nicht davor.

  1. 2024-11-05 Erstveröffentlichung. STDIO und HTTP+SSE als Transporte. Kein Autorisierungskapitel. Basis
  2. 2025-03-26 Streamable HTTP. OAuth 2.1 erstmals im Text — als Rahmen, noch ohne die harten Bindungspflichten. Auth v1
  3. 2025-06-18 Der Sicherheits-Release. MCP-Server sind offiziell OAuth-2.0-Resource-Server. RFC 9728 Protected Resource Metadata wird Pflicht, RFC 8707 Resource Indicators für Clients ebenfalls. Dazu ein eigenes Best-Practices-Dokument zu Token-Validierung und Ressourcen-Isolation. Außerdem: strukturierte Tool-Ausgaben und Elicitation. Wendepunkt
  4. 2025-11-25 Zum ersten Geburtstag. Tasks als experimentelles Primitiv (call-now, fetch-later), ein formalisiertes Extensions-Framework und darauf aufbauend Authorization Extensions. Struktur
  5. 2026-07-28 Stateless. Der größte Bruch bisher — eigener Abschnitt unten. aktuell

§ 05

Der Bruch: 2026-07-28

Der Release Candidate wurde am 21. Mai 2026 eingefroren, die finale Spec ist seit dem 28. Juli 2026 draußen — also seit gut einer Woche. Sie entfernt die Maschinerie, um die herum die meisten Server gebaut wurden.

Der Kern: Sessions sind weg. Kein Mcp-Session-Id-Header, kein initialize-Handshake, keine notifications/initialized. Jeder Request darf auf jeder Instanz landen. Statt Verbindungszustand geben Server jetzt explizite Handles aus, die als gewöhnliche Tool-Argumente zurückkommen. Protokollversion und Fähigkeiten liest der Server aus _meta jedes einzelnen Requests, Discovery läuft über den neuen server/discover-RPC.

WasVorherAb 2026-07-28Bricht?
SessionMcp-Session-Id + Sticky Routingserver-vergebene Handles als Tool-Argumentja
Handshakeinitializeserver/discover + _meta je Requestja
RoutingDeep Packet Inspection am LBHeader Mcp-Method, Mcp-Name Pflichtneu
Serverfrage an Clientgehaltener SSE-StreamInputRequiredResult mit requestStateja
Listenpro Verbindung variabelttlMs + cacheScope Pflichtneu
HTTP+SSETransportdeprecated, ≥ 12 Monate FristFrist
Roots, Sampling, LoggingKernfeaturesdeprecated — Tool-Parameter, direkter LLM-Zugang, stderr/OpenTelemetryFrist
Client-RegistrierungDynamic Client Registrationdeprecated zugunsten Client ID Metadata DocumentsFrist
OAuthohne iss-Prüfungiss-Validierung nach RFC 9207, application_type, Credentials je Issuerhärtet
Fehlercode-32002 für fehlende RessourceStandard-JSON-RPC -32602klein

Sicherheitlich ist das ein Gewinn, auch wenn die Motivation Skalierung war: Kein Session-Zustand heißt kein Session Hijacking und keine Session-Verwechslung zwischen Servern — beides stand vorher explizit auf der Mängelliste. Sechs Autorisierungs-SEPs schärfen zusätzlich die OAuth-/OIDC-Ausrichtung nach. Was bleibt, ist F1 und F2: Der Kommandopfad und die Metadaten-als-Prompt-Frage werden von dieser Revision nicht angefasst.

§ 06

Was das für einen selbst gehosteten Stack heißt

Sieben Punkte, gegen die maierzone-Setup gespiegelt. Die Bewertung rechts ist eine Einschätzung aus der veröffentlichten Selbstbeschreibung des Publishers, keine Prüfung des Quellcodes.

1 · Kein STDIO mit Fremdkonfiguration passt

F1 trifft den Pfad Konfiguration → Shell. HTTP-Transport hinter Keycloak umgeht ihn strukturell. Kritisch wird es dort, wo lokal MCP-Server aus fremden Registries per npx gestartet werden — das ist der Entwicklerrechner, nicht der VPS.

2 · Audience-Prüfung am Token prüfen

RFC 8707: Das Bearer-Token muss für diesen Resource Server ausgestellt sein. Bei Keycloak heißt das aud-Claim gegen die eigene Client-ID validieren, nicht nur Signatur und Ablauf. Dazu RFC 9728 unter /.well-known/oauth-protected-resource ausliefern.

3 · Tool-Beschreibungen sind Code passt

Sie gehören ins eigene Repo, versioniert und reviewt — nie dynamisch aus Fremddaten zusammengesetzt. Die Beschreibungstexte von publishArtifact & Co. sind Teil der Angriffsfläche, nicht Dokumentation.

4 · Schreiben braucht einen Riegel passt

overwrite=false als Default plus Versionshistorie mit rollbackArtifact ist genau die richtige Form: Ein per Prompt Injection fehlgeleiteter Agent kann einen Slug nicht stillschweigend überschreiben, und wenn doch, ist der Vorzustand da.

5 · Verifizieren statt vertrauen passt

Der reachability-Rückcheck über die öffentliche URL nach dem Publish ist ein hübsches Muster: Der Server glaubt seinem eigenen Schreibvorgang nicht, sondern misst das Ergebnis von außen. Genau das fehlt dem Ökosystem an vielen Stellen.

6 · Versionen pinnen prüfen

Postmark und Oura waren beides Lieferketten-Fälle. Für jeden fremden MCP-Server: exakte Version festnageln, Änderungsalarm setzen, Herkunft dokumentieren. Für gepinnte Frontend-Libs (three@0.170.0, chart.js@4.4.6) macht der Publisher das bereits vor.

7 · Zustandslos werden Fahrplan

Wer heute Sessions hält, hat zwölf Monate. Der Umbau lohnt vorgezogen: Handles als Tool-Argumente sind explizit, auditierbar und lassen sich einzeln entziehen — Verbindungszustand ist keines davon. Nebeneffekt: horizontale Skalierung ohne Sticky Sessions.

Fazit

Die gefährlichste Eigenschaft von MCP ist nicht ein CVE, sondern die Erwartung, ein Protokoll könne Vertrauen ersetzen. Ein Agent, der einem fremden Server-Katalog folgt, tut das mit deinen Rechten. Die Spec härtet den Transport — wer wem was sagen darf, bleibt eine Betriebsentscheidung.

§ 07

Quellen

Primärquellen zuerst. Bei den Marktzahlen gilt: Sie stammen aus kommerziellen Trackern, weichen je nach Zählweise erheblich voneinander ab (2.000 bis 10.000+ Server, je nach Registry-Auswahl) und sind entsprechend zurückhaltend zu lesen.

  1. Model Context Protocol Blog — The 2026-07-28 MCP Specification Release Candidate Primärquelle. Stateless-Architektur, Deprecations, Extensions, RC-Freeze 21.05.2026.
  2. Model Context Protocol — Authorization, Spec 2025-06-18 Primärquelle. Resource-Server-Klassifikation, RFC 9728, RFC 8707.
  3. arXiv:2510.16558 — A First Look at the Security Issues in the Model Context Protocol Ecosystem Empirie. 67.057 Server über sechs Registries, 833 verwundbar, 18 verdächtige Beschreibungen.
  4. Cloud Security Alliance Labs — MCP Security Crisis: Systemic Design Flaws in AI Agent Infrastructure (04.05.2026) STDIO-Designfehler, ~200.000 Instanzen, 150 Mio. Downloads, 1.862 offene Server, sieben CVEs, Maßnahmenkatalog.
  5. authzed — A Timeline of Model Context Protocol (MCP) Security Breaches Grundlage der Chronik in § 02, inklusive CVE-Nummern und CVSS-Werten.
  6. Stacktree — MCP 2026-07-28 spec: what changed, what breaks Bruchstellen-Tabelle in § 05: Header, server/discover, Caching-Felder, DCR-Deprecation.
  7. WorkOS — MCP 2025-11-25: async Tasks, better OAuth, extensions Inhalt der November-Revision.
  8. Model Context Protocol Blog — One Year of MCP: November 2025 Spec Release Primärquelle zur 2025-11-25-Revision.
  9. Wiz Academy — Understanding Model Context Protocol Security (2026) Einordnung der Vektoren: vergiftete Tool-Beschreibungen, manipulierte Tool-Ausgaben, Session-Bindung.
  10. MDPI J. Cybersecur. Priv. — Model Context Protocol Threat Modeling and Analysis of Vulnerabilities to Prompt Injection with Tool Poisoning Bedrohungsmodell zu F2.
  11. digitalapplied — MCP Ecosystem H1 2026 Retrospective / Adoption Statistics 2026 Marktzahlen: 9.400 Server Q2 2026, +58 % QoQ, Prognoseband, 97 Mio. SDK-Downloads, Registry-Stand 24.05.2026. Kommerzieller Tracker — mit Vorbehalt.
  12. NSA — Cybersecurity Information Sheet: Model Context Protocol (PDF) Existiert und ist einschlägig, war beim Abruf für diesen Report aber nicht erreichbar (HTTP 403) — deshalb hier nicht als Beleg verwendet, nur als Weiterlesen.

Recherchiert am 6. August 2026 über Websuche und direkten Seitenabruf. Zahlen ohne ausgewiesene Primärquelle sind Tracker-Angaben. Die Ursachen-Klassifikation in § 02 und die Bewertung in § 06 sind eigene Einordnung, nicht Zitat.