EIN INSTRUMENT, KEINE ILLUSTRATION

MoiréDas Muster, das niemand gezeichnet hat

Unter diesem Absatz liegen zwei identische Strichraster übereinander. Keines der beiden zeigt, was Sie gleich sehen. Es entsteht erst aus dem Winkel zwischen ihnen — und verschwindet, sobald Sie ihn auf null stellen.

Interaktives Moiré-Instrument

Drehwinkel zwischen den Rastern wählen

θ = 0,0° — D = ∞ · p — deckungsgleich, keine Schwebung

θ = 1,0° — D ≈ 57,3 · p

θ = 2,0° — D ≈ 28,6 · p

θ = 4,0° — D ≈ 14,3 · p

θ = 8,0° — D ≈ 7,17 · p

θ = 16,0° — D ≈ 3,59 · p

Raster A steht fest, Raster B dreht sich. Der Streifenabstand p ist bei beiden gleich. Jeder Messwert oben ist für seinen Winkel exakt ausgerechnet — nicht zur Laufzeit, sondern vorab, denn es läuft kein Skript auf dieser Seite.

MECHANIK

Warum entsteht das dritte Muster?

Ein Strichraster blockt Licht in gleichmäßigen Streifen. Liegen zwei deckungsgleiche Raster exakt übereinander, kommt genauso viel Licht durch wie bei einem einzelnen Raster — die zweite Schicht ändert nichts.

Sobald beide gegeneinander verdreht sind, verschiebt sich diese Deckung von Zeile zu Zeile: mal treffen zwei dunkle Streifen fast aufeinander, mal füllt ein dunkler Streifen genau die Lücke des anderen. Diese Auf- und Abschwellung der Helligkeit wiederholt sich periodisch quer über die Fläche — das ist die Schwebung, die Sie oben als drittes Muster sehen. Sie hat keinen eigenen Ort im Raster. Sie ist eine Zählweise: wie oft pro Fläche zwei Linien sich fast berühren.

FORMEL

Eine Zeile Mathematik

θ ist der Winkel zwischen den Rastern, p ihr Streifenabstand. Für zwei identische, leicht gegeneinander verdrehte Raster gilt für den Abstand D der Schwebungsstreifen:

D = p / ( 2 · sin( θ / 2 ) )

Je kleiner der Winkel, desto weiter liegen die Streifen auseinander: Schon bei einem Grad Verdrehung beträgt D mehr als das 57-Fache der Rasterweite. Bei null Grad wird der Nenner null — die Raster fallen exakt zusammen, es gibt nichts zu zählen. Nach der Fachliteratur genügt bereits eine Verdrehung von etwa einer Bogensekunde, damit erste Schwebungsstreifen sichtbar werden.

ANWENDUNG

Wo es auftaucht

Der Name kommt vom französischen Wort für „gewässert“ — nach dem schillernden Glanz von gemustertem Seidentaft, der ihn lange vor der Optik trug.

RECHENSCHAFTSBERICHT — MAX. 200 WÖRTER

Rechenschaftsbericht

Warum dieses Thema?

Weil Moiré der seltene Fall ist, in dem Erklärung und Beleg dasselbe Objekt sind: Sobald zwei Raster wirklich übereinanderliegen, ist der Satz daneben schon bewiesen — kein Diagramm, das getrennt vom Phänomen existiert.

Härteste Entscheidung?

Die Kerninteraktion ganz ohne JavaScript zu bauen. Sechs Winkel-Voreinstellungen laufen ausschließlich über Radiobuttons und die CSS-Selektion :has(), inklusive der Messwerte: Jede Zahl ist für ihren Zustand vorher exakt ausgerechnet, nicht angenähert. Das hat länger gedauert als ein Slider mit oninput, aber die Seite funktioniert vollständig, auch ohne dass je ein Skript lädt — weil keines existiert.

Was wurde verworfen?

Ein zweites Modul zu Skalen-Moiré, unterschiedliche Rasterweiten statt Winkel. Fachlich naheliegend, aber es hätte die Seite verdoppelt, ohne die Kernaussage zu schärfen. Verworfen auch: eine eigene Farbe für die entstehende Schwebung. Sie blieb ungefärbt — Einfärben wäre genau die Dekoration gewesen, vor der der Auftrag warnt.